Projektwoche SoSe 16

Es ist wieder soweit: Nächste Woche (23.05. – 27.05.16 ) findet wieder die Projektwoche statt.
Diese Projektwoche gibt es nicht schon immer, sondern sie wurde vor ca. 6 Semestern aus Engagement von Studierenden und Lehrenden entwickelt und daraufhin fest ins Modul Tableau aufgenommen.
Und auch weiter lebt sie davon, dass wir zusammen Veranstaltungen/ Diskussionen/ Exkursionen etc. gestalten und besuchen.
Im Rahmen der Projektwoche haben wir die beste Möglichkeit Themen und Fragestellungen vertieft nach zu gehen, welche im „normalen Seminar Alltag“ zu kurz kommen.

Dabei bietet sich auch Gelegenheit gemeinsam Rückschlüsse für z.B. unsere Studienorganisation zu ziehen: Welche Inhalte sollten auch über die Projektwoche hinaus mehr in Seminaren thematisiert werden? Welche Bedingungen in einem Seminar/ im Studium erschweren dabei freiere und langfristige Diskussionen über Fragestellungen? Denn genauso, wie die Projektwoche entstand und weiterentwickelt wird, gilt es auch für das ganze Studium: Wir können es mitgestalten!


Not- wendig: parteiliche Soziale Arbeit

Seit letztem Jahr wird in der Grundordnung der HAW der Anspruch der Hochschulmitglieder festgehalten „[…] sich in Lehre, Forschung und Weiterbildung nachhaltig für die friedliche, soziale, […] Entwicklung der Gesellschaft einzusetzen.“ (Beschluss der Grundordnung vom 12.11.2015). Das hat eine Relevanz für alle Bereiche der Hochschule – auch für die Soziale Arbeit: Welche Funktion nehmen wir als (angehende) Sozial ArbeiterInnen in der Gesellschaft ein? Welche Rolle sollen und wollen wir spielen?

„Die Soziale Arbeit“ ist ein widerspruchsvolles Feld: Einerseits hat kaum eine andere Profession einen derart umfassenden Einblick in die Lebenslagen Not-leidener Menschen. Darin liegt die Möglichkeit die gesellschaftlichen Ursachen dieser Lagen zu erkennen und zu benennen, um entsprechend für ihre Überwindung Partei zu ergreifen.

Andererseits wird die Wissenschaft der Sozialen Arbeit, als auch die in ihr Tätigen, dazu eingespannt, die eigentlichen gesellschaftlichen Bedingungen von z.B. Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Krankheit in das Individuum hinein zu verlegen und als ein individuelles Problem zu behandeln. Die Gründe für Armut überwinden, oder ihre sozialen Folgen abmindern?

Dieser Konflikt spitzt sich besonders im neoliberalen Paradigmen Wechsel der Sozialpolitik der letzten Jahrzehnte zu: im sogenannten Aktivierenden Sozialstaat wird die Inanspruchnahme politischer und sozialer Grundrechte an Bedingungen und Pflichten geknüpft.

Das hat entsprechende Konsequenzen für die Soziale Arbeit: Soll sie doch dafür nützlicher Helfer sein. Ihre Methoden und Konzepte sollen dabei darauf gerichtet sein, eigentlich strukturell erzeugte Problemlagen, umzudeuten in „Problemgruppen“, welche zum bevorzugten Gegenstand staatlicher Ordnungspolitik werden. Ihre „Verhaltens- und Kompetenzdefizite“ sollen in einem Mix aus Zwang und Förderung unter professioneller Anleitung bearbeitet werden.

Dagegen engagieren sich Sozial ArbeiterInnen als auch Studierende. Sie wollen sich nicht einspannen lassen, sondern machen deutlich: Kriege, Armut, die Verweigerung gesellschaftlicher Teilhabe, also auch Zugang zu Ressourcen – alle diese zentralen Problemlagen der Gesellschaft gründen auf politischen Entscheidungen und sind damit auch adressierbar.

Parteiliche Soziale Arbeit bedeutet, dass wir den Konflikt mit den VertreterInnen und dieser Politik aufnehmen. Das wollen wir in den Veranstaltungen tun:

Welche Interessen stecken hinter dahinter? Wie sollen wir als Sozial ArbeiterInnen mit Hilfe welcher Ideologien eingespannt werden? Wie finden wir das in den Inhalten unseres Studiums wieder? Welche Ansätze gibt es für eine kritische, emanzipatorische Soziale Arbeit?

Die Projektwoche bietet dafür gute Möglichkeiten – auch um aus dem Diskutieren, Erkannten und entwickelten Ideen Konsequenzen für unser weiteres Studium (und Praxis) zu bilden. Alle sind alle herzlich eingeladen.

Montag, 23.05.15, 15:00 – 17:00 Uhr, Raum 2.03
„Das Recht des Kindes, das zu sein, wie es ist.“ (Janusz Korczak)
Für eine Pädagogik der Achtung statt einer Bankierspädagogik
Vortrag und Diskussion mit Prof. em. Dr. Timm Kunstreich (Rauhes Haus, AKS Hamburg)

Der Pädagoge, Arzt und Schriftsteller Janusz Korczak (1878 – 1942) nimmt eine Vorreiterrolle in der Kinderrechtsdiskussion ein. Bevor die internationale Gemeinschaft mit der Genfer Erklärung 1924 eine erste Deklaration über die Rechte der Kinder verabschiedete, appellierte er in seinen Schriften an die Erwachsenen, Kinder als vollwertige Menschen zu achten: Sie haben das Recht, ihre Persönlichkeit frei entfalten zu können. Sie sind weder Objekte, noch Besitz von Erziehern, oder Erwachsenen/Eltern. Erwachsenen falle lediglich die Aufgabe zu, Kindern in ihrer Entwicklung Hilfestellung zu sein und gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Er entwickelte ein Erziehungsprogramm, das auf dem „Recht des Kindes auf Achtung und Liebe“ aufbaute.

Zusammen mit Timm Kunstreich wollen wir in der Veranstaltung die „Pädagogik der Achtung“ von Janusz Korczak kennen lernen. Dabei wollen wir auch aktuelle problematische Entwicklung in der Kinder- und Jugendarbeit in den Fokus nehmen: Im modernen Gewand finden immer mehr pädagogische Konzepte in der Sozialen Arbeit Einzug, welche eigentlich als überwunden galten. Kinder und Jugendliche sind darin Objekte herrschaftlichen Handelns: mit restriktiven, autoritären Ansätzen wird vor allem auf Anpassung junger Menschen abgezielt, etwa zu Verwertungszwecken (Humankapital). So sollen PädagogInnen z.B. in Stationären Einrichtungen mit einem restriktiven Regelkatalog auf „Abwegen geratene“ Kinder- und Jugendliche wieder auf die richtige, vorgesehene Spur bringen

Anhand des historischen Beispiels einer emanzipatorischen Praxis mit Kinder und Jugendlichen wollen wir in der Veranstaltung für die heutigen (nötigen) Konflikte lernen.

Dienstag, 24.05.16, 19:00 – 21:00 Uhr, Raum 0.18
Die Konferenz der Tiere: Der Film von 1969 Immer noch aktuell!
Filmvorstellung und Diskussion

„1. Alle Grenzpfähle und Grenzwachen werden beseitigt. Es gibt keine Grenzen mehr. 2. Das Militär und alle Schuss- und Sprengwaffen werden abgeschafft. Es gibt keine Kriege mehr. 3. Wissenschaft und Technik sollen ausschließlich im Dienst des Friedens stehen. Es gibt keine Mordwissenschaften mehr. 4. Die Zahl der Büros, Beamten und Aktenschränke wird auf das unerlässliche Mindestmaß herabgeschraubt. Die Büros sind für die Menschen da, nicht umgekehrt.
5. Die bestbezahlten Beamten werden in Zukunft die Lehrer sein. Die Aufgabe, die Kinder zu wahren Menschen zu erziehen, ist die höchste und schwerste Aufgabe. Das Ziel der echten Erziehung soll heißen: Es gibt keine Trägheit des Herzens mehr!“
(Erich Kästner, Konferenz der Tiere, 1949)

Mit dem Friedensvertrag den Kästner in seinem Buch festhält, ist ein Anspruch formuliert, der kurz und prägnant sagt, was notwendig ist.
Inhaltlich geht es in dem Buch darum, dass die Menschen sich und die Erde durch Krieg, Habgier und Umweltzerstörung immer weiter zerstören.
Die 365. Konferenz der Menschen bieten aber für keines der Probleme eine Lösung, so dass Tiere beschließen einzuschreiten und berufen „die erste und letzte Konferenz der Tiere“ ein. Ein Kind pro

Kontinent, stellvertretend für alle Kinder der Welt, sollen mit einbezogen werden.
In einer kindgerechten Alltagswelt zeigt Kästner so den Widerspruch von Wollen, Können und
Sollen und zum Anderen: dass Krieg immer falsch ist und überwunden werden kann und muss.

1969 verfilmte Curt Linda unter Absprache mit Kästner das Buch als Zeichentrickfilm.
Linda arbeitete den Gehalt von Kästners Buch genau auf, schärft z.B. den Antimilitarismus, arbeitet weitere satirische Elemente für „Erwachsene“ ein und nimmt dabei Bezug auf aktuelle Themen (z.B. die Hippie- und Studentenbewegung).
Wir wollen diesen Film zeigen, um zu überlegen, was wir für heutige Konflikte daraus lernen können und dabei einbeziehen, welche Relevanz solche Kinderliteratur für Kindern hat.

Mittwoch, 24.04.16 15:00 – 18:00 Uhr, Raum 2.03
Heute im Angebot: Ein Pfund Odachlosenhilfe! Wie die Logik der Betriebswirtschaft Einzug in die Soziale Arbeit bekam
Workshop mit Tove Soiland (Historikerin aus Zürich)

„Der Effizienzkult in Gesellschaft und Sozialer Arbeit übersieht eines: die Entwicklung von tragfähigen und vertrauensvollen Beziehungen, die den Kern nicht nur gelungener sozialpädagogischer Unterstützung ausmachen, unterscheidet sich grundsätzlich von der Produktion von Dingen“ (Galuske 2008, S.22; Schwarzbuch der Sozialen Arbeit, S.182 )

Soziale Arbeit ist eng verknüpft mit existentiellen Notlagen von Menschen. Fragen zum Menschen- und Weltbild und einer Berufsethik sind daher in der Entwicklung ihrer Profession nicht weg zu denken. Die Frage nach der gesellschaftlicher Verantwortung für soziale Missstände und wie diese zu überwinden sind, spielt dabei eine zentrale Rolle.
Klar scheint, dass Soziale Arbeit zu den „Nonprofit-Bereichen“ der Gesellschaft gehört.
Doch die Entwicklung der letzten Jahrzehnten ist eine andere: Soziale Arbeit wird (genauso wie der Gesundheits- und der Bildungsbereich) immer mehr als Marktprodukt gesehen und verhandelt.

Von einer gesellschaftlich verantwortlichen Instanz soll Soziale Arbeit so in eine Art wirtschaftliches Produktionsunternehmen sozialer Dienstleistungen transformiert werden.
Management- und Marktlogik und damit eine betriebswirtschaftliche Denkweise erhält dabei immer mehr Einzug. Das hat eine nicht zu übersehende Auswirkung darauf, wie Soziale Arbeit  praktiziert und gelehrt wird: Instrumente und Begriffe wie z.B. Marketing, Prozesssteuerung, Output, Effizienz und Führung wachsen an Bedeutung nicht nur für den Alltag der praktizierenden Sozial ArbeiterInnen, sondern auch im Studium steigt ihre Relevanz
So scheint es uns, als sollen wir lernen, was wir machen, so zu verpacken, als würden wir ein Auto herstellen: Statt um fachliche Fragen, geht es um Kennzahlen und messbare Ergebnisse. Soziale Arbeit soll nach „ihrer Leistung“ bewertet und „vermessen“ werden. Finanziert wird nur das, was einen nachweisbaren Effekt habe, effizient sei, sich lohne, was einen Nutzen bringe (aber für wen?).

Akteure der Sozialen Arbeit werden so in eine Rolle gedrängt, die sie zunehmend von ihren eigentlichen Ansprüchen trennt, sie sogar in Widerspruch dazu bringt: Wie lassen sich Fragen zur Ethik der Sozialen Arbeit, zu ihre Fachlichkeit und ihrem Menschenbild einbeziehen, wenn es nur noch darum gehen soll „am Markt zu überleben“? Kann Soziale Arbeit überhaupt betriebswirtschaftlich gemessen, erfasst, gesteuert werden?

Diesen und weiteren Fragen wollen wir zusammen mit Tove Soiland nachgehen. Anhand der zugrundelegenden gesellschaftlichen Entwicklung wollen wir dabei die Interessen hinter der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit verstehen und alternative Perspektiven entwickeln.