Ene mene muh – und raus bist du!?

Gesellschaft und Wirtschaft sind in der Krise: Die Produktivität der Arbeit und damit der gesellschaftliche Reichtum steigt, gleichzeitig nimmt die Armut zu. Menschenwürdige Arbeit, soziale Sicherheit, Frieden und Völkerverständigung sowie demokratische Teilhabe – für alle ohne Ausnahme – ist schon lange objektiv möglich. Damit gerät der Kapitalismus zunehmend in Legitimationsnöte: der „freie Markt“ und seine „unsichtbare Hand“ verlieren stetig an Überzeugungskraft.
Statt Konkurenz, Wettbewerb und Markt wird eine Kultur der Kooperation und Solidarität von immer mehr Menschen neu befürwortet und realisiert. Diese humane Perspektive liegt in der Abkehr von der Vorstellung, dass der Mensch nur ein Spielball der Herrschenden und der „Umstände“ sei und auf die vorgefundenen Verhältnissse lediglich mit Anpassung reagiert. Dagegen ist der Mensch ein soziales Kulturwesen und auf grenzen- und vorurteilslose Zusammenarbeit angewiesen, um sich individuell und kollektiv als Mensch zu entwickeln und seine Potentiale zu entfalten. Die Solidarisierung mit den Lampedusa-Flüchtlingen, das Engagement des „Bündnis gegen Rotstift“ zur Überwindung der Schuldenbremse und der Widerstand der Hochschulmitglieder und Gewerkschaften gegen die Ökonomisierung und für die Demokratisierung der Hochschulen hin zu Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung sind aktueller Ausdruck dieser Orientierung.
Von herrschender Seite wird jedoch noch verbissen daran festgehalten den Status Quo zu verteidigen: Die lohnarbeitenden Menschen sollen von ihren eigentlichen Entwicklungmöglichkeiten absehen und stattdessen weiter für Profitinteressen der Konzerne und des nationalen „Wirtschaftsstandortes“ gegeneinander konkurrieren.
Durch Mythen- und Ideologiebildung versuchen dienstbare JournalistInnen, WissenschaftlerInnen, Pfaffen, EdoterikerInnen, PolitikerInnen und selbsternannte Kulturschaffende trotz des Widerspruches zwischen Reichtum und Armut das uneingeschränkte Bekenntnis aller zu Markt und Wettbewerb als Normen dieser Gesellschaft weiter durchzusetzen.
Wer nicht mitmacht und kein „Selbstunternehmer“ sein will, soll als schwach, Verlierer, „Sozialschmarotzer“ gelten und – so etikettiert – als Mahnung an die zukünftigen Leitungsträger dienen, hübsch brav zu sein. Darin werden jegliche Ursachen sozialer Ungleichheit als natürlich und als von der individuellen „Leistung“ auf dem Markt abhängig dargestellt.
Dies ist der gemeinsame Nenner des „Weiter so!“ der etablierten Parteien, von Bildungspolitik, über Hartz IV und Flüchtlingspolitik bis zur „Schuldenbremse“. Für eine Politik, in der der Maßstab der Mensch und nicht der Profit ist, bedarf es eines dringenden kulturellen und politischen Wandels-gerichtet auf Aufklärung, Egalität und Solidarität zwischen allen Menschen.
Dafür kommt es darauf an, dass wir, die bescheiden gemacht werden sollen, uns bewusster beimessen unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen und unsere Ansprüche an eine humane Entwicklung der Welt zur Geltung bringen – also gemeinsam Geschichte schreiben. Bedeutsam und erfreulich ist vom verachteten Objekt zum handelnden Subjekt zu werden: Gerade aus den Hochschulen und im besonderen aus der Sozialen Arbeit heraus können und müssen wir wissenschaftlich dazu beitragen.
Votrag und Diskussion mit Timm Kunstreich
(Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit)
und Helga Hirsch (Arbeitskreis Kinder- und Jugendpolitik)
Zeit: Mittwoch, 26.11. um 17:30 – 19:30 Uhr
Ort: Alexanderstraße 1, Versammlungsstätte
Soziale Arbeit zwischen Zurichtung und Emanzipation
Die Krise der Gesellschaft ist auch die Krise der Sozialen Arbeit. Auf der einen Seite hat sie die Möglichkeit gesellschaftlicher Motor für die Überwindung der sozialer Ungleichheit und von Ausgrenzung zu sein. Auf der anderen Seite wird sie für die Festigung der gesellschaftlichen Strukturen instrumentalisiert, welche konstituierend für diese menschenfeindliche Zustände sind (Aktivierender Sozialstaat, Propagierung der Eigenverantwortung). Die darin liegende Tendenz, das Soziale (und damit den Menschen) nur noch unter dem Aspekt der ökonomischen Verwertbarkeit zu fassen, ist ein Angriff auf die Würde des Menschen und muss von uns scharf zurückgewisen werden. Stattdessen muss die Verwirklichung der Würde des Menschen wieder unser gemeinsamer Maßstab werden.
Die Soziale Arbeit soll dagegen aktuell die Funktion haben, auf die wesentlichen Symptome der gesellschaftlichen Widersprüche zu reagieren und die sogenannten „sozial Schwachen“ dazu zurichten, sich wieder funktionsfähig in die Reihe einzugliedern. Da dies so nicht mehr ohne Weiteres funktioniert, wird zum Aufrechterhalten der Ordnung ein Netz von Ideologie, Kontrolle, Belohnen und Strafen gestrickt. Deutlich wird dies z.B. an dem seit 2007 in der Hamburg geltenden Handlungskonzept gegen Jugendgewalt, welches von der Innenbehörde entwickelt wurde. Ordnungspolitisch motiviert, strafrechtsfixiert und polizeizentriert wird darin (in Ignoranz des Standes der wissenschaftlichen Diskussion) Gewalt als Verhaltensproblem einzelner Jugendlicher behandelt, welche als auf Persönlichkeitsdefiziten bzw. -störungen beruhend identifiziert wird.
Die in den gesellschaftlichen Strukturen eingebetteten Misstände sollen dabei ausgeblendet und verschleiert werden: Was haben die Selektions- und Konkurrenzmechanismen unserer Gesellschaft z.B. mit Gewalttaten zu tun? Wenn etwa gewaltätige Auseinandersetzungen in Schulen ein Ausdruck so artikulierten Widerstandes der Kinder und Jugendlichen gegen die strukturelle Gewalt im Bildungssystem ist, wird mit dem Brechen und Deckeln dieses Widerstandes diese strukturelle Gewalt gefestigt, indem sie störungsärmer gemacht wird. Stattdessen sollte Soziale Arbeit darin unterstützen, diesen Widerstand gesellschaftlich so zu artikulieren, dass er sich nicht in Gewalttaten gegen Mitmenschen richtet, sondern die bestehenden schulischen Selektions- und Konkurenzverhältnisse thematisiert – also statt der Beihilfe zum reibungslosen Funktionieren darauf gerichtet sein, den Reibungen auf den Grund zu gehen und sie zu überwinden.
An vielen Stellen wird diese Zurichtung der Sozialen Arbeit zum verlängerten Arm von „Law und Order“-Politik schon zurückgewiesen: die Schließung der Hasenburg, sowie der Streit in der Sozialwissenschaft über die Punitivität nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe sind dabei nur einige Beispiele. Für eine progressive Wendung der Sozialen Arbeit ist die Entwicklung einer emanzipatorischen Orientierung in Studium, Wissenschaft und Praxis erforderlich.
Vor diesem Hintergrund wollen wir uns zusammen mit Timm Kunstreich und Helga Hirsch ein Verständnis der Funktion von Kontrolle und Punitivität in der Sozialen Arbeit aneignen und uns ein Bild davon machen, wie dagegen ein kritisches und vor allem emanzipatorisches Wirken der sozialarbeiterischen Praxis zu entwickeln ist.
Vortrag und Diskussion mit Michael Klundt
(HS Magdeburg, Bund demokratischer WissenschaftlerInnen)
Zeit: Donnerstag, 27.11. um 19:00 – 21:00 Uhr
Ort: Alexanderstraße 1, Kontrabar (Raum 0.15)
Menschenwürdige Arbeit für Alle
Für die Abschaffung von Hartz IV!
Ein Leben in gemeinsamer sozialer, kultureller und politischer Tätigkeit in Einheit mit sinnvoller und produktiver Arbeit für alle zu realiseren, ist objektiv möglich und für alle erfreulich. In der aktueller Lage wird der Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe am sozialen, kulturellen und politischen Leben dagegen vorrangig über den Markt im Wettbewerb aller gegen alle vergeben. Wem es nicht gelingt, sich in der Konkurrenz durchzusetzen, weil etwa seine Ware Arbeitskraft nicht nachgefragt wird, der sei entsprechend aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Drohung dieses gesellschaftlichen Ausschlusses richtet sich dabei gleichermaßen gegen Arbeitslose, wie gegen Menschen mit Arbeit: Sie sollen ihre Ansprüche an gute und schöpferische Arbeit senken.
Der offensichtliche Widerspruch zwischen dem erarbeiteten Reichtum und der zunehmenden Armut kann nur durch strukturelle Gewalt, wie sie mit dem Hartz-IV-System praktiziert wird, und mit einer ideologischen Legitimation aufrechterhalten werden. Dafür wird politisch wie medial das Feindbild vom „Sozialschmarotzer“, der faul und dekadent auf auf Kosten der Allgemeinheit lebe, verbreitet.
So sagte H. Maucher (damals Verwaltungsratsvorsitzender bei Nestlé, 1997):
„Unsere Arbeitslosen werden relativ gut bezahlt. Und wir wissen, daß mit Prosperität [Wohlstand] auch – und das ist ein hartes Wort – ein gewisser „Wohlstandsmüll“ entsteht: Leute, die saufen, Drogen nehmen, sich abgemeldet haben. Für Menschen, die wirklich arbeiten wollen, gibt es immer noch Arbeit.“
Dabei wird suggeriert Armut und Arbeitslosigkeit seien auf das eigene Versagen zurückzuführen. Den so sozial Deklassierten werden die sogenannten Leistungsträger, die sich durch Willensstärke, Fleiß, Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung auszeichnen, gegenübergestellt. Erstere werden öffentlich regelmäßig bloßgestellt und diffamiert.
Die wirklichen Ursachen von Arbeitslosigkeit und sozialem Elend sollen so verscheiert werden, um die Verletzung von Grundrechten zu legitimieren. Die Wirksamkeit solcher Ideologien und entsprechender Politik trägt zu einer Entsolidarisierung der Menschen untereinander bei, wodurch der gesellschaftliche Unmut über die soziale Ungleichheit von den Systemgewinnlern auf seine Verlierer umgelenkt wird.
Dem entgegen wollen wir uns gemeinsam über die Funktion des menschenverachtenden Hartz-IV-Systems verständigen um für eine Perspektive zu streiten, die allen die vollumfänglicher Teilhabe am kulturellen, sozialen und politischen Leben, also ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.